Eine paradoxe Koexistenz

Im Standard erschien nun ein Artikel über ein Salzburger Sonderkrankenhaus zur Entwöhnung für Alkohol- und Medikamentenabhängige. Mit 18 Betten ist es eine relativ kleine Einrichtung, aber gerade in der Überschaubarkeit liegt ihr Vorteil. Seit 1979 wurden 2.200 Patienten erfolgreich behandelt, die Salzburger Gebietskrankenkasse steckt zudem jährlich 780.000 Euro in die Suchtentwöhnungsklinik.

Alkohol

Dennoch gibt es nicht genug Einrichtungen wie diese. Die Zahl der Alkoholiker in Österreich wird auf etwa 340.000 geschätzt, 10.000 Menschen erkranken jährlich neu an chronischem Alkoholismus. Österreich ist dennoch weit von einem generellen Werbeverbot für alkoholische Getränke entfernt. Während man diese Restriktionen bei Tabak schwer aber doch umsetzen konnte, verhindern die Alkoholindustrie und ihre Abhängigen seit Jahren entsprechende Initiativen. Man ist verblüfft ob dieser paradoxen Koexistenz: Es darf mit dem Sanktus des Staates aktiv für Alkohol geworben werden, während gleichzeitig Millionen an Steuergeldern in Suchtkliniken und Aufklärungskampagnen investiert werden.

Wann wird man endlich begreifen, dass es widersinnig und im präventiven Aspekt absolut sinnfrei ist, einerseits Alkohol marktschreierisch zu bewerben und andererseits trocken über dessen Schädlichkeit aufzuklären? So wie die Dinge liegen ist zu erwarten, dass man sich auch in Zukunft noch begnügt, seinen präventiven Pflichtteil durch Aufklärungskampagnen zu leisten und sich dann dafür lobpreisen zu lassen, dass die Zahl der wasauchimmer zurückgegangen ist – wohl wissend dass der erfreuliche Rückgang in der natürlichen Schwankungsbreite liegt. Doppelmoralisch und heuchlerisch ist die österreichische Alkoholpolitik.

Der Beitrag wurde am 4. Dezember 2009 um 21:01 veröffentlicht und wurde in der Rubrik Journal, Kommentar gespeichert. Du kannst Kommentare zu diesem Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen TrackBack auf deiner Seite einrichten.

3 Kommentare

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  2. Völlig richtig. Man könnte noch beifügen, was in einem WHO-Arbeitspapier kürzlich betont und von der Alkohollobby scharf kritisiert wurde, nämlich dass wir alle Passiv-Trinker sind. Egal wie viel wir trinken, wir tragen die alkoholbedingten Schäden in verminderter Lebensqualität und an die alkoholbedingten Sozialkosten ein Leben lang und ungefragt. Ein Grund ist, dass die Medien und die Politik die Bürger ungenügend oder falsch informieren, damit sie nicht Druck auf sie ausüben, um eine Richtungsänderung zu erreichen. Und solange niemand gegen die Wissenschaftler klagt, die laufend Forschungsergebnisse mit zweifelhaften gesundheitspositiven Ergebnissen veröffentlichen, die von den Konsumenten als Bestätigung für ihr Konsumverhalten aufgenommen werden können, wird sich wahrscheinlich auch nichts ändern.
    WHO und EU werden möglicherweise nächstes Jahr Alkoholstrategien herausbringen, aber die Mitgliedstaaten sind frei, sie umzusetzen. Die Alkoholloby wird dies wie bisher zu verhindern wissen.

  3. Der Begriff “Passiv-Trinker” an sich gefällt mir eher weniger. Im Unterschied zu Passivrauchern konsumieren diese “Passivtrinker” nämlich keinen Alkohol, woraus ihnen primär durch den Konsum auch keine körperlichen Schäden erwachsen können. Sekundär natürlich durch alkoholassoziierte Gewalt, vor allem im Gesundheitsbereich stellt dies eine große Belastung dar. Unbestritten ist, dass Alkohol mit all seinen Facetten sehr hohe Kosten für unsere Gesellschaft verursacht und über diese Tatsache praktisch nicht aufgeklärt wird.

    Bezüglich der fragwürdigen Forschungsergebnisse: In meinen Augen ist das eine absolut fahrlässige Desinformation der Bevölkerung. Der überwiegende Teil der Medien springt durch plumpes Abdrucken von Kurzfassungen (typ. “Alkohol schützt das Herz!”) auf diesen Zug auf und bedient damit die Alkohollobby.


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